22.8.2025, Auftakt der Reihe „Spätlese – Gelebt. Erzählt. Bewahrt.“

mit Elli Horn und Elke Rösler zum Thema

„Gemeindeschwestern in der DDR – Ein Beruf zwischen Medizin, Menschlichkeit und Mangelwirtschaft“

vor Beginn: so voll ist der Veranstaltungsraum im Café Eigenart selten

die Protagonistinnen des Abends: Elli Horn (li) und Elke Rösler

in der Presse

Auszüge aus der Erzählung

Elke: Also das war dann so meine Anfrage: Habe ich denn ein Moped? Und dann wurde gesagt: Ja, du hast ein Moped. Ich fragte: Wo ist denn das Moped? In der Gemeinde im Schuppen? Oh Gott, da stand so eine alte Jawa. Um Gottes Willen, habe ich gedacht, damit kannst du doch nie fahren. Dann habe ich gesagt: Also mit dem Moped fahr ick nich, ich möchte bitte schön ein anderes. Da meinte der Bürgermeister: Also, Schwester Elke, ein anderes Moped können wir nicht kaufen, aber ein Fahrrad haben wir noch – allerdings war das ein ganz alter Schinken. Und damit habe ich praktisch den ganzen Bereich abgefahren. Zum Bereich gehörten Haßleben, Haßleben Ausbau und KuhzRuhof. Mein Arbeitgeber war ja die Gemeinde, also der Ort Haßleben, und medizinisch waren wir dem Landambulatorium unterstellt. Der zweite Arzt dort war zu meiner Zeit Dr. Huhn mit seiner Frau. Sie führten die Praxis und waren medizinisch weisungsberechtigt. In Ruhof  war das Landambulatorium zuständig mit Frau Dr. Kitzmann. Und ja und das wurde dann alles per Fahrrad abgefahren und in Gerswalde hatten wir alle vier Wochen Dienstberatung, da ist man bei Wind und Wetter mit dem Fahrrad hinfahren und nicht mit dem Moped. Moped kam und Moped gab es dann…. Ach, das war glaube ich 1988 oder so schon ziemlich zum Schluss…

Elli: Die Verbände und so weiter wurden praktisch von uns durchgeführt. Das wurde alles abgesprochen, insbesondere die Reihenfolge der Therapien, zum Beispiel, ob Injektionen nötig waren. Das durften wir alles übernehmen, und wir konnten auch Medikamente herausgeben. Wenn jemand mit Halsschmerzen kam, hat man sich natürlich mit dem Arzt kurzgeschlossen und konnte dann direkt vor Ort Medikamente ausgeben, sodass das ganze Hin- und Herfahren zur Apotheke entfiel. Verbandsmaterial war ebenfalls ausreichend vorhanden – kein Patient musste Verbandsmaterial kaufen, so wie es heute oft der Fall ist. Es wurde wirklich viel bereitgestellt. Man hatte mehr Freiheiten und mehr Befugnisse, um die Patienten zu versorgen. Das fing schon bei Kopfschmerztabletten oder Nasentropfen an – solche Sachen durfte man selbstständig geben. Man war immer die erste Person vor Ort, bevor der Doktor kam. Natürlich hat man telefoniert und gesagt: „Ich habe den und den Fall hier“, und der Arzt entschied dann: „Schwester, ich komme morgen früh.“ Man musste selbst einschätzen, wie dringlich der Fall war – ob es reicht, wenn der Arzt am nächsten Tag kommt, oder ob er sofort kommen muss…

Elke: Das zu verarbeiten, war schon hart. Einen Unfall, das kann ich vielleicht auch noch kurz erzählen: Es war ein Wildunfall, gleich in der Senke hinter Hassleben. Ein Fahrradfahrer kam mit seiner Angel, ein Auto fuhr vorbei, und plötzlich rannte ein Schwein auf die Straße. Das Auto geriet auf die andere Seite, die Klappe flog hoch, und sowohl das Auto als auch das Schwein erwischten den Fahrradfahrer. Der Fahrradfahrer lag im Graben, während das Schweinchen weiterlief. Die Leute waren natürlich völlig aufgelöst – ich auch – und die Angst kann man sich wirklich vorstellen. Mein Gott, wann kommt endlich der Rettungsdienst, wenn dann noch der Oberschenkelknochen oben herausragt? Das sind so Dinge, da fragt man sich, wie man das überhaupt schaffen kann. Aber wir haben es immer wieder geschafft und es gibt so viele Geschichten, die man noch erzählen könnte – auch schöne. Elli wohnt ja nur mit in  Hassleben, sie war Betriebsschwester, aber wenn solche schweren Verkehrsunfälle waren, waren wir oft gemeinsam draußen. Es war nie so, dass einer alleine war – wenn möglich, sind wir immer zusammen gefahren und haben uns gegenseitig unterstützt. Und auch hinterher haben wir darüber gesprochen, denn man konnte das nicht einfach so mit nach Hause nehmen und in der Familie besprechen. Gemeindeschwester hat nicht nur medizinisch die Patienten versorgt, sondern viele andere Dinge übernommen. Zum Beispiel die Feuerwehr, die Belehrungen brauchte, Erste-Hilfe-Kurse für die Fahrschule, und die jungen Leute kamen und fragten auch oft um Rat…

Elli: Im Betrieb hatte ich ein Behandlungszimmer – also ich hatte, so wie Elke, ein Wartezimmer, ein Arztzimmer und ein Behandlungszimmer. Dort wurden dann auch Behandlungen und Untersuchungen durchgeführt. Wir hatten 750 Patienten, und die wurden jährlich einmal kontrolliert, inklusive Blutentnahme. Dann hatte man praktisch einen Medizinschrank, in dem einiges drin war. Wir durften auch Injektionen verabreichen. Wenn zum Beispiel jemand einen Hexenschuss hatte – wie man früher sagte – dann wurde meine Chefin, Frau Dr. Haase, angerufen, und sie sagte: „Mach mal eine Spritze.“ Das hat man dann eben gemacht, und der Patient konnte weitergehen. Oder bei einer eitrigen Angina durften wir bestimmte Medikamente ausgeben – das darf man heute alles gar nicht mehr. Die Ärztin kam einmal pro Woche zur Sprechstunde, hat alles kontrolliert, und auch die von den Werkstätten kamen in die Sprechstunde und wurden dort betreut…

nächste Veranstaltung: 21.11.2025 „LPG Bäuerinnen und Bauern

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